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PATTI SMITH – HIGH ON REBELLION

30 Jahre nach ihrem klassischen Debut Horses spielte Patti Smith das ganze Album für eine Legacy Edition live ein und kam in ihre Lieblingsstadt Wien, wo rikki nadir sie zum Gespräch traf.

Als Patti Smith 1975 ihr Debutalbum Horses veröffentlichte, wusste die Welt noch nicht, dass sie darauf bereits gewartet hatte. Zu einem Zeitpunkt, als die Rockmusik weitgegend faul und räudig geworden war, schlug Horses ein wie die sprichwörtliche Bombe. Mit einer bis dato ungehörten Mischung aus brutalem 3-Akkord-Rock und lyrischer Intensität erschufen Smith und ihre Begleiter ein poetisches Rock’n’Roll-Universum von fast beängstigender Intensität, eine Verbindung von Klassikern wie Van Morrisons „Gloria“ und Jim Morrisons Attitude, von Rock und Rimbaud. Produziert von Velvet Underground-Legende John Cale, der wie kein anderer verstand, dass Smiths poetisch-manische Persona Raum zum Entfalten brauchte, wurde Horses zum frühen Punkklassiker noch bevor Zeitgenossen wie Ramones und Television einen Plattendeal hatten. Genauso wichtig aber, und im Laufe der Zeit und vieler weiterer exzellenter Alben vielleicht Smiths grösste Leistung, war ihre Rolle als Brückenbauerin zwischen der grössten Dekade des Rock, den Sixties, und welcher Gegenwart auch immer sie gerade bewohnte. Alt genug, um sich an die mythischen Helden der 60er zu erinnern und mit Ikonen wie Dylan, Jerry Garcia, Allan Ginsberg oder William Burroughs befreundet und mit MC5-Gitarrist Fred Sonic Smith verheirat, jung genug um Vertraute und Inspiration für Michael Stipe, Jeff Buckley, PJ Harvey, Mike Scott und Dutzende andere junge Künstler zu sein und selbst heute noch beträchtlichen Einfluss auf neue Generationen auszuüben, ist Smith eine Künstlerin, deren Inspiration von William Blake und Mozart über Rimbaud und Jim Morrison reicht und die es wie wenig andere versteht sich ihre Einflüsse anzueignen und in etwas neues, aufregendes, und dabei völlig individuelles zu verwandeln.
Im Gespräch gibt sich Patti Smith gleichzeitig abgeklärt (wenn es um ihre eigene Karriere geht), und leidenschaftlich (in ihrem unbedingten Glauben daran, dass jede Generation die Chance und Pflicht hat, das ihrige zu tun, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen). Smiths Überzeugung, dass die Menschen die Macht dazu haben (das Recht sowieso) und ihr Wille, weiterhin ihren Beitrag dazu zu leisten, mit den Waffen, die ihr zur Verfügung stehen – Worte, Integrität, Rock’ n’Roll –, hat etwas gleichzeitig berührendes und ermutigendes, und ihr folgendes Konzert setzt ein Rufzeichen dahinter, wie jeder Auftritt in dieser Stadt, die ihr so viel bedeutet, wie sie bereits im Interview klarstellte: “Immer wenn wir in Europa touren sage ich zu meinen Agenten ’Ich will in Wien spielen’ und sie sagen ’Aber Patti, du warst letztes Jahr dort, es wird keiner kommen’. Und ich sage dann ’Ist mir egal. Ausserdem WERDEN sie kommen.“ Womit sie auch diesmal recht behielt und ein Konzert ablieferte, das fast einem Tribut an Wien glich. Beginnend mit einer ziemlich unfassbaren Version von Hendrix’ „Are You Experienced“ mit einem Text über Moritz Schlick und Wittgenstein (!), über ein tags zuvor bei einem St. Marx-Besuch geschriebenen neuen Song über das dortige Mozartdenkmal und diverse Anekdoten von ihren Wienbesuche (einer davon, 1978, wurde mitgefilmt und war bei der Viennale unter dem Titel „20 Stunden mit Patti Smith“ zu sehen). Wer nicht dabei war, kann sich immerhin mit der neuen Legacy Edition von Horses trösten. Typisch für Smith erscheint das legendäre Debut nicht wie in anderen Fällen mit unveröffentlichtem Material aus der Entstehungszeit (ein Demo von „Redondo Beach“ fand sich bereits auf der Anthologie Land) sondern mit einem Beweis dafür, dass Integrität und Inspiration zeitlos sind, in der Form einer gallopierenden Liveaufnahme des gesamten Albums 30 Jahre später in der Royal Festival Hall in London. Horses Live 2005, eingespielt mit Originalmitgliedern Lenny Kaye und Jay Dee Daugherty plus Gästen Tom Verlaine und Flea, beweist nicht nur eindrucksvoll, dass Smiths Debut nichts an Relevanz und sie selbst nichts an Intensität verloren hat (besonders in einer furiosen Version von „Land“ mit teils extemporiertem Text, die mit einem Rückgriff auf „Gloria“ endet) sondern auch, dass die einstige und heutige Zugabe, „My Generation“ von The Who JEDER Generation eine Menge zu sagen hat: „My generation had dreams! And we fucking created George Bush! New generations rise up! The world is yours – change it!“ Daran, dass die Verbindung zwischen den Idealen der 60s und dem Kampf für eine lebenswerte Zukunft nicht abreisst, wird Patti Smith auch weiterhin arbeiten, als nächstes mit einem langgehegten Wunsch, einem Album mit Coverversionen jener Songs, die ihr Leben begleitet haben. „Die Auswahl ist schwierig, aber sie macht mir auch Freude. Dylan wird vertreten sein, vielleicht mit „Changing of the Guards“, an Hendrix führt kein Weg vorbei, eine Grateful Dead Nummer wäre auch nicht schlecht. Vielleicht sogar etwas von den MC5, warum nicht?“ Von einem Kollegen gefragt, ob sie wieder nach Wien kommen wird, reagiert Smith, sonst durchgehend freundlich, beinahe brüsk: „Natürlich! Was für eine Frage! Ich werde immer hierher zurückkommen, diese Stadt ist wie keine andere und ihre Energie ist völlig einzigartig.“ Gut für uns, kann man da nur sagen.




Interview mit Chris Eckman/The Walkabouts (28.06.05)

DIE RÜCKKEHR DER AGGRESSION

Die Walkabouts, seit ihrer Gründung vor 20 Jahren eine der beständigsten Bands der Welt, melden sich nach einigen gelassenen Werken mit ihrem stärksten und wütendsten Album seit einiger Zeit zurück. Rikki Nadir traf Band-Chef Chris Eckman und ersuchte um eine Erklärung für den plötzlichen Stimmungswandel.

Nadir: Acetylene ist das zornigste und vielleicht beste Walkabouts-Album seit New West Motel (1993), was war der Anlass dafür?
Eckman: Nun, ich bin nicht der Typ, der auf der Strasse jemanden KO schlägt, also muss ich meinen Zorn anders verarbeiten. Und es gibt wirklich genug Gründe heutzutage zornig zu sein, so wie die Welt heute beinander ist. Ich vermeide politische Songs im allgemeinen, sie sind mir meist zusehr an eine bestimmte Zeit oder Gelegenheit gebunden. Aber diesmal bleib mir gar nichts anderes übrig...
Nadir: Was man auch an der Musik hört...
Eckman: Das begann schon auf der letzten Tour. Die Songs wurden immer lauter und wütender. Wir spielten nach einigen ruhigeren Jahren erstmals wieder Rock. Und die Texte, die ich dann schrieb, passten einfach nicht zu sanften Melodien, ich schrieb alle Nummern mit der elektrischen Gitarre. Das dauerte einige Zeit, aber dann nahmen wir sie schneller auf als irgendein anderes Album in den letzten 10 Jahren. Wir wollten das so, rauh und ohne viel drüberzuarbeiten, alles live im Studio. Kein einziges Solo wurde neu aufgenommen. Das ist überhaupt meine Meinung: man sollte tun, was die Songs uns zu tun auftragen, besonders bei einem Album dieser Art, zuviel Überarbeitung hätte der Spontanität geschadet. Soundmässig sollte es eine Art von ’Neil Young trifft auf Wire’ werden, in gewisser Weise eine Rückkehr zu unseren Wurzeln.
Nadir: Was die Texte betrifft, da gibt es zwei Songs, nach denen ich fragen wollte – „Kalshnikov“ ist ein Text über Menschen in einem Transit Camp oder Gefängnis, die verzweifelt versuchen, dort irgendwie rauszukommen. War da Afghanistan oder der Irak oder Guantanamo der Hintergrund?
Eckman: Nein, die USA in 20 Jahren. So zerrissen, wie die USA derzeit innerlich sind, und mit dieser „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ Einstellung... Jedesmal, wenn ich aus Europa zurückkomme, merke ich das wieder. Es ist gefährlicher, als viele denken und es wird noch für massive Probleme sorgen.
Nadir: Kommt daher auch die post-akopalyptische Stimmung von „The Last Ones“?
Eckman: Das war eigentlich eine ältere Idee, aber dann passte es gut zu der Stimmung der Texte auf Acetylene, als Abschlussnummer. Es geht um zwei Menschen, die nach einer Katastrophe übrigbleiben, aber der Song ist auch ein wenig autobiographisch, was Carla (Torgerson) und mich betrifft. Unser Bassist hatte Tränen in den Augen, als er es hörte – aber vielleicht fand er ja auch nur mein Solo zu lang (lacht).
Nadir: Entstehen die Texte grundsätzlich in der Hoffnung, etwas zu ändern?
Eckman: Nun, es gab einige Bands, die durch Musik und Texte mein Leben veränderten, Joy Division zum Beispiel, aber sie haben’s wohl kaum darauf angelegt. Ian Curtis war das sicher egal. Ich versuche etwas persönliches zu geben, was dann geschieht liegt schlicht an den Hörern. Natürlich freue ich mich, wenn jemand sagt, ein Text von mir bedeute ihm etwas, ich habe ein Ego wie jeder anderer. Aber ich mag es nicht, wenn meine Texte vereinnahmt werden. Als man mich neulich ersuchte „The Light Will Stay On“ für ein religiöses Liederbuch freizugeben habe ich nicht abglehnt, ich habe einfach ‚nein’ gesagt.
Nadir: Also für mich klingt das wie eine Ablehnung.
Eckman (lacht): Na ja, was soll’s - ich bin eben ein überzeugter Atheist. Es hätte keinen Sinn gemacht.
Nadir: Trotz unzähliger Nebenprojekte wie >i<, Höst, Mitarbeit am letzten Tosca-Album, Produktionen für Midnight Choir und andere klingt es für mich, als ob die Walkabouts momentan wieder Priorität hätten...
Eckman: Für den Moment jedenfalls sind die Walkabouts mein Hauptanliegen. Die letzte Tour diente auch dem Zweck, herauszufinden, ob das Feuer noch brennt – und das tut es.
Nadir: Deshalb Acetylene?
Eckman: Genau – mit genug Sauerstoff brennt das sehr, sehr hell.



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